Hans Magnus Enzensberger, der morgen 80 Jahre alt wird, lese und höre ich seit 40 Jahren immer wieder gern. Er ist einer der intelligentesten Beobachter und Kommentatoren unserer deutschen Gegenwart.
Von einem Fernsehinterview mit ihm, das ich Anfang der 70er in der Sendung "Titel, Thesen, Temperamente" sah, fühlte ich mich damals direkt und persönlich angesprochen. Während des Gesprächs mit seinem Interviewer über irgendwelche Medienfragen äusserte er sich auch kritisch über das Fernsehen und wandte dann völlig unvermittelt und unerwartet seinen Blick von seinem Gegenüber im Studio ab und sagte, sich umdrehend und - damals völlig unüblich in solcher Situation - in die Kamera, also auch mich anschauend: "Oder finden Sie etwa, dass das hier die optimale Kommunikationsform ist?"
Es war, als hätte mich sowas wie ein "Weltgeist" angesprochen. Ich sage "ein", denn über "den" Hegel'schen Weltgeist kann Enzensberger nur lachen.
In der vergangenen Nacht gab es auf 3SAT ein längeres Gespräch zwischen ihm und Peter Voss, in dem er unter anderem den ganzen 68er Mythos als völlig überbewertet bezeichnete. Wenn es in den vergangenen Jahren überhaupt so etwas wie eine Revolution in Deutschland gegeben habe, sei dies die erfolgreiche Emanzipation der Frauen gewesen. Im übrigen gehe es uns doch prima in unserem Land, da habe es nie einen Grund zu einer bewaffneten oder gewaltsamen Revolution gegeben.
Die 68er, meinte er, seien zwar gegen den Vietnamkrieg und die Amerikaner gewesen, hätten aber zuerst Ho-Ho-Ho-Tschi-Min skandiert, um sich dann anschliessend amerikanische Western anzusehen und Blue Jeans und Marlboro zu kaufen. Dem füge ich jetzt noch Fastfood- und andere Ketten hinzu, die er sicher auch noch erwähnt hätte, wäre ihm der Voss nicht so oft beipflichtend ins Wort gefallen. HME liess sich jedoch jede Unterbrechung gefallen und bewies auch damit seine grosse Souveränität.
Der ganzen uns von der Regierung oktroyierten Hysterie und Angst vor Terrorismus oder Schweinegrippe oder sonstwas stellte er entgegen, dass die meisten Menschen immer noch durch Verkehrsunfälle zu Tode kommen. Autos werden jedoch als Luxusgüter verehrt und bleiben unangetastet, während man im Internet so grosse Gefahren lauern sieht, dass sich Leute wie Schäuble mit aller Energie darauf kaprizieren, Computer und elektronische Kommunikation unter Kontrolle zu nehmen und überall Überwachungskameras zu installieren.
Vielleicht sollten wir uns auch öfter mal die Enzensberger'sche Frage von damals stellen. Finden wir wirklich, dass dieser ganze Web 2.0 Kram - wie Twitter, Facebook und so weiter - die optimale Kommunikationsform ist?