Nur meine Zahnärztin
versteht mich. Da können die beiden anderen Dental-Schnösel, mit denen ich grade zu tun hatte, sofort einpacken, aber echt.
Sie setzt mir immer, auch wenn sie nur an einem toten Zahn ein bisschen rumfeilt, ungefragt eine saftige Spritze. Noch Stunden, nachdem ich ihre Praxis verlassen habe, ist mein halbes Gesicht total taub. Aber ich weiss wenigstens, dass es nicht wehgetan hat.
Sie ist eine flotte Berlinerin, dass man glatt auf dumme Gedanken kommen könnte. Doch Schreibman bleibt korrekt, Kultbuch-Leserinnen wissen das.
Heimlich fotografiert, als sie sich über mich beugte
Dagegen der vom Notdienst, wo ich Samstag war. Macht wild rum, röntgt und meint, das könnte dies oder das sein. Gegen das eine wollte er es mit einem Antibiotikum versuchen, gegen das andere mit Werkzeug. "Aber nicht ohne Spritze", sagte ich. "Wie, Spritze, der Zahn ist doch total tot. Sie werden gar nichts spüren." - "Ich möchte bitte eine Spritze", sagte ich. "Tot oder lebendig". Setzt der Bursche mir doch glatt so eine Nadel und wartet überhaupt nicht, bis sie gewirkt hat. Macht einfach weiter. Klar, bei Placebo-Spritzen muss man nicht lange warten. Ich fühlte mich echt verarscht und hatte noch vier Stunden danach ein leidgeprägtes Gesicht und wahnsinnige Zahnschmerzen.
Heute ging ich dann wieder zu ihr. Sie war sehr besorgt um mich. Das ist es ja, was ich an ihr – unter anderem – so schätze. Sie musste vier Kieferchirurgen anrufen, bis sie einen fand, der nicht in Urlaub oder im Geldsee ertrunken war. "Haben Sie Ihren Wagen dabei?" fragte sie mich. "Können Sie fahren? Das sind fünfzig Kilometer und um fünf machen die zu".
"Ich bin topfit", antwortete ich ihr in einem Ton wie ich ihn an mir mag.
Bis ich die Adresse der Metzgerei gefunden und meinen Wagen französisch geparkt hatte, war es fünf. Ich kam in den Laden rein, kam sofort dran und es war ein blutiges Gemetzel, das ich so schnell nicht vergessen werde. Als ich die Schlachtbank verliess und noch eine lange Blutspur hinter mir her zog, meinte der Gebisszieher, ich solle morgen wiederkommen.
Das werde ich mir noch schwer überlegen, dachte ich bei mir. Vielleicht gehe ich doch lieber zu ihr. Sie weiss, wie man mit einer zarten Seele wie mir umgehen muss. Und wenn es was zu extrahieren gibt, schickt sie mich einfach zu so einem Kieferklempner.
Sie kann mich eben nicht leiden sehen.



