Das Andere oder Der Woolworth-Moment
Beim Woolworth kam mir heute eine Erleuchtung. Es war ein blitzartiger Gedanke, der mir schlagartig die Antwort auf viele Fragen der menschlichen Natur innerlich vor Augen führte. Die Erkenntnis war absolut einleuchtend und beantwortete mir zum Beispiel unter anderem die Frage, was das Fremdgehen mit der Religion zu tun hat. Das ist jetzt nur ein Beispiel.

Man wird ein ganzes philosophisches Gebäude auf dieser meiner Theorie errichten können, die ich gleich ganz kurz zusammenfassen werde und die ihren Ursprung eigentlich gar nicht im Woolworth selber, sondern erst einige Sekunden später hatte, genauer gesagt in dem Moment, als ich mein Auto bestieg beziehungsweise besteigen wollte, mit dem ich kurz zuvor noch durch die Waschstrasse gefahren war. Im Woolworth selber war ich an der Kasse noch damit beschäftigt, mich über meinen Kauf – zwei DVDs und ein Buch für zusammen 2,99 € – zu freuen, den Kassenzettel auf der Theke liegen zu lassen, den rausgegebenen Cent in irgendeine Tasche zu stecken, weil ich den Geldbeutel bereits wieder geschlossen und in der ihm bestimmten Jackentasche verstaut hatte, und der freundlichen Bedienung ein schönes Wochenende zu wünschen.

Nun befindet sich direkt neben dem Woolworth in Hausach ein italienisches Eiscafé und es sassen sogar noch Leute draussen. Ich öffnete also die Wagentür, warf den Beutel mit den drei gekauften Artikeln auf den Beifahrersitz und dann geschah es.

Ich zögerte kurz, ob ich einsteigen und losfahren oder zuerst noch einen Cappuccino trinken sollte. Das Problem war in dem Moment nämlich folgendes. Wenn ich jetzt einen Cappuccino trinken würde, auf den ich eigentlich ziemliche Lust hatte, würde ich nicht mehr rechtzeitig zu meinem Tabakhändler in Wolfach kommen, der als einziger im weiten Umkreis und überhaupt nur für mich die Marke Manitou führt. Ich hätte an der Tanke Gauloises kaufen und den Abend manitoulos verbringen müssen. Ich musste mich also entscheiden, für Cappuccino oder Manitou.

Es ging dann letztlich so aus, dass ich mich ins Auto setzte und losfuhr und rechtzeitig vor Ladenschluss ankam. Bedient wurde ich beim Kippen-Schmidt dann von Franca, mit der ich auch noch ein paar scherzhafte Sätze gewechselt habe, so dass ich den ungetrunkenen Cappuccino nun wirklich nicht bereuen musste. Francas Freundlichkeit hat mich mehr als entschädigt, denn beim Italiener hätte ich allein gesessen und die Bedienung dort, vor allem die männliche, kann man mit Franca auch überhaupt nicht vergleichen.

Jetzt aber zu dem philosophischen Gebäude, das seinen Grundgedanken zwischen Woolworth und Auto hat und ein neues Kapitel in der Geschichte der Hermeneutik begründen wird. Es ist der Gedanke an das Andere. Das ganze menschliche Denken basiert nämlich darauf, dass es immer auch das Andere mit in Betracht zieht, mal mehr und mal weniger, mal ernsthaft und mal nur als Gedankenspiel. Alle Religionen und alle Seitensprünge basieren auf diesem urmenschlichen Gedanken, dass es doch auch noch etwas Anderes geben muss, eine andere Frau, eine andere Möglichkeit, eine andere Zigarettenmarke. Immer muss man sich für eine der Möglichkeiten von mindestens zwei Alternativen entscheiden. Manchmal ist man gar in einer Situation, dass einem keine der bis dahin gekannten Möglichkeiten gefällt, und man will etwas ganz Anderes. Man braucht es gar nicht zu kennen, Hauptsache, es ist etwas Anderes.

Dies ist ein, wenn nicht gar der wesentliche Grundzug der menschlichen Natur, mit dem man ab heute, ich möchte mal sagen ab dem Woolworth-Moment, viele der bisher ungelösten Fragen der Philosophie, der Psychologie und überhaupt beantworten können wird. Zum Beispiel jetzt gleich den ersten Wunsch, den die Leserinnen und Leser nun haben werden, da sie merken, dass dieser Text seinem Ende zugeht. Sie haben jetzt einfach genug zu diesem Thema gelesen und wahrscheinlich sogar auch alles verstanden. Sie wollen jetzt aber unbedingt etwas Anderes. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.


