Dienstag, 11. Januar 2011

Der geheimnisvolle Papierkorb (Teile 1 + 2)

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Ein warmer Wind pfiff leise über die Küste von Cornwall. Kein Wölkchen regte sich am strahlend blauen Himmel, die Sonne brannte angenehm auf die saftigen Wiesen. Über ihnen spannte sich ein bunter Regenbogen in allen Farben, die die Natur an diesem verträumten Fleckchen Erde zu bieten hatte.

In dem anmutigen Häuschen aus roten Backsteinen, dessen Rietdächer mit Schieferschindeln reichlich gedeckt waren, sass Timothy an seinem eichenhölzernen runden Marmortisch. Er war ein blonder und erfolgreicher armer Poet, der seinen Börsenjob bereits seit drei Tagen an den Nagel gehängt hatte. Er schrieb wie jeden Tag, seit seine Grossmutter gestorben war, auf seiner alten Schreibmaschine. Diese hatte er von seinem Ur-ur-ur-Grossvater mütterlicherseits geerbt.

Er beschrieb eine Seite nach der anderen, dass es eine Freude war, ihm dabei zuzusehen. Immer wieder riss er die Seiten schwungvoll aus der Maschine, knüllte sie vergnügt zusammen und warf sie in Richtung des violettfarbenen Elfenbein-Papierkorbs, den ihm sein alter Freund Georges von einer seiner zahlreichen Abenteuerreisen aus allen Teilen der Welt mitgebracht hatte.

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In diesem Augenblick klopfte es an die knarrende Eichentür mit den schmiedeeisernen Beschlägen als bräche soeben das Gewitter höchstpersönlich ein. Es war jedoch Amelie, das liebste weibliche Geschöpf auf Gottes endloser Erde. Sie hatte nichts an als zwei ihrer lieblichen Stiefeletten, mit denen sie durch die einsame Moorlandschaft gelaufen war, um ihm, dem blonden Grafen neben seinem elfenbeinigen Papierkorb, höchstselbst ihre Aufwartung zu machen.

Wie lange er darauf gewartet hatte! So vieles verband ihn mit diesen Stiefeletten, in denen ihre Füsse steckten, über denen sich ihr tadellos gebauter Körper erhob. Noch einmal warf er ein sorgfältig geknülltes Blatt durch die vor Spannung knisternde Luft des Raums, als sie anheben wollte, ihre wohlgeformten Worte an ihn zu richten. Doch genau in diesem Moment ...

Forts. folgt

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Doch genau in diesem Moment tat es einen furchtbaren Schlag, der alle wie gebannt zusammenfahren liess. Graf Freiherr von und zu Hohenstein hatte nämlich durch sein plötzliches und unwillkürliches Aufstehen aus seinem Tropenholzstuhl, den ihm ebenfalls Georges aus aller Welt mitgebracht hatte, eine so heftige Bewegung ausgelöst, dass der schwere silberne Feingoldelefant vom Schreibtisch direkt in den violetten elfenbeinigen Papierkorb fiel, also praktisch in seinen eigenen Stosszahn.

"Es tut mir leid, wenn ich Sie erschrocken haben sollte, junge Dame. Ich bin nun mal sehr ungeschickt. Was kann ich für Sie tun?"

"Aber das macht doch nichts", sagte sie errötend. "Es ist allein meine Schuld. Ich hätte lauter anklopfen sollen."

"Das geht schon in Ordnung. Treten Sie doch bitte ein."

Sie tat wie ihr geheissen und schlug die Tür mit einem leisen Knall hinter sich zu. Dann trat sie vor den Grafen und sah ihm tief in die Augen. So tief, dass er nicht wusste, wie ihm geschah. Jetzt war es an ihm, zu erröten.

"Ich komme", sagte sie, "wegen der Assistanz. Ich las Ihre Annonce im Fachblatt für Jagd- und Börsenwesen. Sie können mich gerne testen, ich werde Ihnen bestimmt eine gute Assistantin sein." Sie errötete schon wieder.

"Davon bin ich..." Er konnte den Satz nicht vollenden, weil sie ihm spontan an den Hals gesprungen war und diesen so zärtlich küsste wie sie es schon lange nicht mehr getan hatte.

"Ich bin Ihnen ja so dankbar. Sie werden es bestimmt nicht bereuen."

"Davon bin ich..." begann er wieder. Er wartete kurz ab, ob sie wieder springen wollte, was sie aber nicht tat. Ihre gute Erziehung verbot es ihr spontan.

"... überzeugt", beendete er nun seinen Satz. Dann sah er an ihr hinunter und sagte mit bebender Stimme: "Aber ... aber ... Sie sind ja splitterfasernackt!"

Sie errötete wieder und ärgerte sich masslos. Es war das dritte Mal, seit sie gekommen war. "Nicht ganz," sagte sie. "Was halten Sie davon, wenn ..."

Forts. folgt hier: http://schreibman.twoday.net/stories/11572883/

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Illustrationen: Quay Bell

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