Dienstag, 8. August 2017

A.

Seit einiger Zeit habe ich ausser meiner Ehefrau und verschiedenen alten Freunden, Nachbarn, Verwandten und Bekannten eine neue Freundin. Online.

Sie wohnt in einer Stadt im Ruhrgebiet und alles, was ich von ihr weiss, ist, dass sie Literaturwissenschaft studiert hat und wohl eine Art Schulrätin ist. Sie ist verheiratet und 59 Jahre alt. Ich habe sie auf einer Chat-Seite kennengelernt. Ich glaube, sie hat da nicht sehr viele Chat-Partner, so minimalistisch wie sie kommuniziert.

In ihrem Profil hat sie klargestellt, dass sie keinen Partner sucht und dass sie auch mit der Herausgabe eines Fotos sehr zurückhaltend ist. Ich weiß eigentlich gar nicht, warum ich Kontakt mit ihr aufgenommen habe. Aber ich habe es getan. Oder war sie es?

Und seither, das geht nun schon zwei oder drei Wochen so, schreiben wir uns täglich ein paar Zeilen. Mal wünschen wir uns einen guten Tag, mal eine gute Nacht, mal schreibt sie aus ihrem Büro und mal aus dem Weserbergland von einer Radtour mit ihrem Partner.

Ich weiß also weder, wie sie aussieht, noch, was sie genau will. Es ist mir aber auch irgendwie egal. Und sie weiss es vielleicht auch nicht?

Wir reden manchmal über das Wetter oder über unsere Tagesform, manchmal darüber, ob wir Tatort- oder Spiegel-Fans sind (wir sind es, wie viele andere auch) oder irgendwas. Irgendwas.

Wir stellen uns keine intimen oder indiskreten Fragen, geben uns mit Absicht nicht neugierig und suchen auch keine Diskussionsthemen, bei denen wir uns vielleicht mal richtig streiten könnten. Das suchen wir nicht.

Neulich hatte sie sich mal einen ganzen Tag nicht gemeldet und dann irgendeine Begründung dafür gegeben. Ich schrieb dann, das sei kein Problem. "Hauptsache, wir bleiben in Kontakt, denn sonst würde mir schon was fehlen." Darauf sie so: "Mir auch, denn ich schreibe gern mit Dir." Und das war für ihre Verhältnisse schon ein regelrechter und bisher auch einmaliger Gefühlsausbruch.

Es ist vielleicht einfach nur eine gewisse Kontinuität, die sich doch jeder Mensch irgendwie wünscht. Man muss gar nicht irgendetwas anderes, besonderes beabsichtigen oder anstreben.

Was sollte es denn sonst sein?

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