Donnerstag, 30. Juli 2015

Rossbief

Heute habe ich in Village-Neuf (Neudorf) die Brasserie de l'Eglise (Kirchenbrauerei) entdeckt. Auf dem Trottoir hatten sie mehrere Tische und Stühle und zwei Gäste, die schon am Essen waren.

Das schien mir alles sehr passend und so setzte ich mich an einen Tisch mit Blick auf die Tafel. Auf dieser stand mit Kreide geschrieben (ich habe das bewusst nicht fotografiert, sondern mich ganz auf die reale Situation focussiert, die ja alsbald eine Entscheidung von mir verlangen sollte) "Menu du jour 9,80 €, Assiette fraiche 9,80 €, Rosbif + Crudités 17,80 €". Eine Karte gab es nicht.

Ich fragte dann die Dame, als sie zum zweiten Mal in der Tür nach draussen erschien, um einen Blick auf die Strasse zu werfen: "Pardon Madame, je peux commander quelque chose?", also ob ich was bestellen könne. Und was es denn gäbe.

Das erste, was da auf der Tafel stand, war ein Menü mit Rosbif. Das zweite war Rohkost mit Rosbif und das dritte war Rosbif mit Rohkost.

Das war mir dann doch sehr viel Rosbif und so bestellte ich erstmal einen Grand café au lait, um mir Zeit zum Nachdenken zu verschaffen.

Ich entschied mich dann für das mittlere Rosbif und bekam dieses, nachdem ich auf Befragen mit "saignant" (blutig) geantwortet hatte, mit Rohkost. Ich war allerdings einigermassen verwirrt. Seit wann wird man bei kaltem Roastbeef gefragt, wie man es denn haben möchte, durch, medium oder englisch? War das jetzt doch das Tagesgericht oder etwa das teurere "Rosbif" mit Kruditäten?

Weit gefehlt. Keine Ahnung. Es kostete jedenfalls nur 9,80 €. Und es war ein saftiges Roastbeef mit Kräuterbutter und Rohkost.

Samstag, 11. Juli 2015

Ged.

Seit Anfang dieses Jahrtausends werden unsere Gedanken immer kürzer. Das fing mit dem Handy an. Man konnte Telefonate von irgendwo draussen unterwegs führen, für die man vorher mehr Zeit hatte, sie gedanklich vorzubereiten. Das war der Anfang des Spontan-Calls. Spontan ist ja eigentlich ganz gut, aber manches kann auch gerne ein bisschen reifen, bis es spruchreif ist.

Dann ging das mit dem Internet los. Man konnte überall kurze Kommentare, Bewertungen, Erfahrungsnotizen, Meinungen und Blogeinträge posten. Bald darauf entstanden Portale wie Facebook und Twitter, wo man entweder überhaupt keine Gedanken haben muss, um sie zu posten, oder sie dürfen nur 140 Zeichen haben, also nicht mehr als ein bayrischer Fluch.

So trägt das Internet zu einer Verrohung unserer Denk- und Sprechweise bei. Und andererseits dazu, dass man jedesmal, wenn man einen einigermassen ausbaufähigen Gedanken hat, diesen gar nicht erst

Samstag, 27. Juni 2015

Lebensrichtig vs. lebenswidrig

In der Nacht von Donnerstag auf Freitag blieb ich mal wieder kurz bei Domian hängen, der gerade den letzten Anrufer bearbeitete. Dieser erzählte irgendwas von lebensrichtiger und lebenswidriger Denkweise, konnte das dann aber nicht mehr näher erläutern. Domian war zwar skeptisch, aber doch interessiert, aber die Sendezeit war eben abgelaufen.

Mich interessierte das auch. Als einziges Suchwort hatte ich "lebenswidrig" behalten, das andere war mir am nächsten Tag schon nicht mehr richtig erinnerlich. Nach kurzer Googelei hatte ich aber schon den richtigen Begriff "lebensrichtig" gefunden, der zugleich der Titel eines Buchs von Josef Haid ist. Oder soll ich sagen "war"? Es erschien nämlich schon 1983. Scheint kein grosser Bestseller gewesen zu sein oder hat schon mal jemand davon gehört? Ratgeberliteratur vom Typ "Wie werde ich reich und glücklich"?

Lebensrichtig

Wahrscheinlich. Trotzdem werde ich mir das mal bestellen. Denn allein die beiden Begriffe "lebensrichtig" und "lebenswidrig" für grundsätzlich entgegengesetzte Denkweisen haben bei mir schon was bewegt. Ebenso wie der Anrufer von Domian, der weder den Titel des Buchs noch irgendeinen Namen nannte, so dass man ihn der Werbung hätte bezichtigen können.

Dann las ich einen Eintrag eines geschätzten Kollegen, der täglich mit der Strassenbahn nach Vegesack und wieder zurück fährt. Und zwar nur, weil er eine Monatskarte hat und in der meist leeren Bahn sehr gut lesen kann. Ich finde das ziemlich geil und, ja, lebensrichtig. Oder soll er zu Hause sitzen und sich über das Wetter ärgern? Das wäre dann doch eher lebenswidrig, finde ich.

Was das von mir jetzt nach kurzer Überlegung verlängerte Krautreporter-Abo betrifft, finde ich meine Entscheidung auch ziemlich lebensrichtig und, ja, positiv. Es gibt da ja schon Hunderte von Kommentaren zum Für und Wider, die nur von den bisherigen Mitgliedern gelesen werden können und auch nur von solchen stammen. Ich habe viele nur überflogen, dabei aber eben wieder dieses Gefühl gehabt, dass man auch hier von lebensrichtigen und lebenswidrigen Denkweisen sprechen kann.

Manche schreiben da ellenlange Kommentare darüber, was alles noch ganz ganz schlecht ist und warum sie jetzt die Nase voll haben, das Projekt für gescheitert und nicht verbesserbar halten und ihr Abo deswegen auch nicht verlängern.

Verbesserungsvorschläge gemacht zu haben, an positive Entwicklungsmöglichkeiten zu glauben und dann ein paar Euro investiert zu haben - das scheint mir jetzt einfach als lebensrichtig.

Freitag, 19. Juni 2015

Vom Reiten auf halbtoten Pferden

Mit Interesse verfolge ich zur Zeit die allgemeine Entwicklung der Bloggerszene sowie die besondere Diskussion darüber, ob das Projekt Krautreporter schon als gescheitert betrachtet werden soll oder weiterhin Unterstützung verdient, da gerade erst ein Jahr online.

Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass ausgerechnet bei Stefan Niggemeier, der mich im Sommer des vorigen Jahres in seinem Blog von der Förderungswürdigkeit der Crowdfunding-Operation überzeugt hatte, nun die Abrechnung mit dem ersten Jahr Krautreporter stattfindet. Und dass diese zu Ungunsten von Krautreporter ausfällt. Und dass Niggemeier selber nicht mehr mitmacht.

Sein interessanter Text plus über 100 Kommentare dazu sind hier nachzulesen.

Ebenfalls lesens- und diskussionswert finde ich den Blog-Eintrag meines Altersgenossen Steppenhund zum bedauerlichen Umsteigen vieler Blogger auf Facebook und Twitter.

Dienstag, 16. Juni 2015

Ich bin nicht allein

In den letzten Tagen, genauer gesagt Nächten, bin ich nach Mitternacht beim Zappen des öfteren im Krieg hängengeblieben. Ja, im Zweiten Weltkrieg, über den sie uns damals in der Schule nicht allzuviel erzählt hatten, wohl weil noch zu viele der alten Nazis und andere Überlebende unter uns weilten.

Im Urlaub an den französischen Küsten stolperte ich später immer wieder über Bunkerruinen des damaligen Atlantikwalls. Das "Unternehmen Todt" hatte die gesamte Küste von Norwegen bis zur Côte d’Azur vermint, mit Stacheldraht und Panzersperren vollgepackt und mit Tausenden von Betonbunkern zu unwirtlichem Gelände gemacht. Für Strandkörbe war da kein Platz mehr.

435 Feind

Die allnächtlichen Dokumentationen über Hitler, die Nazizeit und den D-Day sind mir - und da bin ich anscheinend nicht der einzige - inzwischen fast zur Einschlafhilfe geworden. Aber eben nur fast.

Wenn es mir reicht, schalte ich ab.

Mittwoch, 10. Juni 2015

Mein neues Zeit-Raum-Programm

Vorhin, nach dem Einkaufen, als ich die Treppe hochging, kam es mir. Wie ich es nennen und erklären wollte. Was sich geändert hat.

Früher war es ja so, dass man immer irgendwelche Termine im Kopf hatte, vor denen man sich ein bisschen fürchtete oder die man mit Ungeduld erwartete oder herbeisehnte. Oft waren sie auch mit Ortsveränderungen verbunden.

Inzwischen hat sich mein tägliches Leben ja dahingehend entwickelt, dass ich mir meine Zeit selber einteilen kann, dass ich jederzeit irgendwo hinfahren kann, wenn mir danach ist, und dass ich generell irgendwie gelassener geworden bin und praktisch keine Verpflichtungen mehr habe.

Warum mich also verrückt machen wegen irgendwelcher Einträge in meinem Terminkalender für die nächsten Wochen oder Monate? Ich kann doch jeden Morgen neu und frei entscheiden, was ich an dem jeweiligen Tag machen will.

Dank meiner neuen Gelassenheit bin ich ja nicht dauernd beunruhigt, ob ich irgendwelche räumlichen oder zeitlichen Ziele erreichen werde. Wenn ich also zum Beispiel demnächst mal für ein Wochenende nach Brüssel fahren will und auf halber Strecke in Luxemburg eine Autopanne... Aber da will ich jetzt lieber nicht dran denken (*dreimalaufholzklopf*).

Ich meine halt nur, dass es da ja auch Hotels gibt. Und Luxemburg ist sehr schön. Und auch an vielen anderen Orten kann es jederzeit sehr schön sein.

Wenn Raum und Zeit keine Rolle mehr spielen.

Samstag, 6. Juni 2015

Rezeption

Was mich an Sprache und Literatur schon immer interessiert, ist nicht nur die innere Ausgestaltung von Texten, sondern auch ihre Rezeption durch Hörer und Leser.

Was kann Literatur im öffentlichen Diskurs bewirken?

verreisser
Öffentliche Hinrichtungen?
Muss man so mit Büchern umgehen?

grass
Es ist doch nur ein Roman!

Und was bewirkt ein Roman im Kopf des einzelnen Lesers?

Neulich meinte jemand sinngemäss, er lese keine Romane "oder so'n ausgedachtes Zeugs", sondern nur Sachbücher und Zeitschriften, also eher Geschichten, die in der Wirklichkeit geschehen.

Ich antwortete ihm, dass sich Wirklichkeit auch in unserem Kopf abspielt. Ich war zum Beispiel im vorigen Herbst in der Normandie und lese jetzt einen Krimi ("Kein Tag für Jakobsmuscheln"), der auf der Halbinsel Cotentin an der Atlantikküste spielt. Bei der Lektüre überschneiden sich dann des öfteren Erinnerungen, Assoziationen und sogar konkrete Fragen und Entscheidungen.

Der Vorgang des Lesens ist auch eine Wirklichkeit, so wirklich wie ich in der Normandie war.

Der genannte Roman beschreibt auch die Wirklichkeit der französischen Atlantikküste, an der man überall und immer wieder an den "D-Day" vom 6. Juni 1944 erinnert wird, an dem damals ein wirkliches Massaker stattfand, das den Anfang vom Ende des Krieges einleitete.

Wirklichkeit ist aber auch, dass ich den genannten Krimi von Catherine Simon auf meinem Balkon lese, mich dabei an ein famoses "plateau de fruits de mer" in Sainte-Marie-du-Mont erinnere und mich frage, ob wir diesen Herbst wirklich wieder dorthin fahren sollen. Oder doch lieber woanders hin? Eine wirklich schwerwiegende Entscheidung, von der sehr viel abhängen kann.

Auch das Lesen von fiktiver Literatur ist eine eigene Wirklichkeit.

Da sitzt jemand auf dem Balkon und hört beim Lesen zufällige Gespräche von Hausnachbarn mit, was ihn vielleicht zu einer sozial relevanten Handlung veranlasst. Oder das Lesen eines in Frankreich handelnden Krimis macht ihm Appetit auf Krusten- und Schalentiere und veranlasst ihn dazu, noch am selben Abend mit seiner Frau in ein Restaurant im Elsass zu gehen.

So kann "ausgedachtes Zeugs" unter Umständen mehr soziale Handlungen in der Wirklichkeit verursachen als das Lesen von Sachbüchern über Spekulationen darüber, nach welchen Regeln und Gesetzmäßigkeiten die Welt funktioniert.

Sonntag, 31. Mai 2015

Das Leben ein Ponyhof?

Tja, mit der Bloggerei hatte ich damals mein Medium gefunden. Der Bestseller, den ich immer schreiben wollte, musste noch ein bisschen warten. Zwanzig Jahre hatte ich eh schon damit verplempert, Texte anderer Leute ins Deutsche zu übersetzen. Da kam es auf ein paar Jahre mehr oder weniger auch nicht mehr an.

Ich schrieb anfangs oft über die kleinen Dinge meiner einsamen Alltage, die den Vorteil hatten, dass ich sie - frisch geschieden - mehr oder weniger frei gestalten konnte.

Gestern sagte ich während einer Autofahrt zu meiner Frau: "In 2003, dem heissen Sommer, als es mir nicht so gut ging, habe ich mit meiner damaligen Freundin in Wolfach in einem Strassencafé gesessen und ein Schweppes Tonic getrunken. Das, also das Getränk, habe ich dann fotografiert. Abends habe ich dann in einem Blog-Eintrag erklärt, dass ich mir sowas nicht alle Tage leisten könnte."

Crème glacée
-Heute Nachmittag in Fessenheim (F)-
Vor dem Verzehr einer Crème glacée
habe ich diesen Text wie folgt beendet.

"Das war die Art von Einträgen, die ich immer gerne gelesen habe", antwortete sie. "Du konntest Dich an Kleinigkeiten erfreuen."

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auf die Zerstückelung von Filmen durch Werbespots...
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iGing (Gast) - 12. Jul, 21:51
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Muss man jeden Gedanken "zu Ende" denken? Können...
Schreibman - 12. Jul, 13:54


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