Sonntag, 14. Mai 2017

Worte am Sonntag

Soeben eine schöne Stelle in Martin Walsers Buch "Statt etwas oder Der letzte Rank" gelesen. Kurz überlegt, ob ich sie abschreiben oder scannen und posten möchte.

Dann erst mal weiter gelesen, ohne die Stelle zu markieren. Nochmal überlegt. Weitergelesen und umgeblättert. Dachte "Die Stelle ist auf der vorigen Seite, Anfang von Kapitel 40, das kann ich mir leicht merken." Dann doch aufgestanden und mich an den Schreibtisch gesetzt, um sie abzuschreiben.

Scannen wäre einfach zu grob gewesen.

Ich musste einmal hinfahren zu der Stelle, an der von der Haupstraße ein Sträßchen, ein Nebenweg, hinauf zum Waldrand führt. Ich konnte mir das nicht mehr vorstellen, nicht genau: Also fuhr ich hin, bog selber in den Weg ab und fuhr hinauf bis zum Waldrand, hielt, stieg aus und genoss es, jetzt zu wissen, was ich hatte wieder wissen wollen. Diese Stelle war einmal in meinem Leben wichtig geworden. Darum das Bedürfnis, die Stelle noch einmal zu sehen, genauer zu sehen. Jetzt war ich ausgesöhnt. Nichts mehr in mir konnte immer wieder sagen: Fahr doch mal hin.

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steppenhund - 14. Mai, 12:31

Die Stelle ist berührend.
Ich bedurfte nicht einer Aussöhnung, aber vielleicht eines Verstehens. Beide Großelternpaare stammten aus Mähren. Vor drei Jahren hatte ich noch beruflich in Ostrawa zu tun. Als ich ein zweites Mal hin musste, nahm ich mir einen Tag Urlaub. Mit dem Taxi ließ ich mich nach Oppawa (Troppau, von dort kamen die Eltern meines Vaters) und nach Bilovec (ehemals Wagstadt, von dort stammte die Ahnenschaft meiner Mutter) führen. Stadt, ehemals Hauptstadt von Mähren, und Ort, heute vom Taxifahrer abschätzig als Zigeunerdorf betitelt, liegen nur 25 km voneinander entfernt. Auch die Distanz zu "Mährisch Ostrau" ist in dieser Größenordnung.
Beide Familien zogen nach Wien. Mein Urgroßvater, der Fotograf, schätzte seine Chancen in Wien größer ein. Der Vater meiner Mutter zog als Schlosser mit seiner Frau nach Steyr, wo er Werkmeister in der Autofabrik wurde. Erst später kam er nach Wien. Diese beiden Familien lernten sich erst kennen, als meine Tante meine Mutter mit meinem Vater bekannt machte. 1942 heirateten sie während eines Fronturlaubs. Meine Schwester kam als Kriegskind 1943 zur Welt. (Ich erwähne das deshalb, weil ich heute in einem anderen Blog über Verschwendung von Lebensmitteln gepostet habe.)
Der Bruder meines Großvaters blieb so lange in Wagstadt, bis er als Sudetendeutscher nach dem Krieg vertrieben wurde.
Es gab zwar für mich nichts aufzuarbeiten, aber ich bin sehr froh, dass ich die Stätten meiner Vorfahren besucht habe.
Ich war auch häufiger in Prag, wo der Urururgroßvater (später dann die Troppau-Linie) ein Bierbrauer war. Obwohl zwei Ölbilder von ihm und seiner Frau bei uns im Wohnzimmer hängen, habe ich zu Prag eher ein sehr ambivalentes Verhältnis. Doch Troppau und Wagstadt haben für mich jetzt eine angenehme Anmutung.

bonanzaMARGOT - 15. Mai, 07:25

von den stellen gibt`s `ne menge.

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