Mittwoch, 12. Januar 2011

Der geheimnisvolle Papierkorb (Teile 3 + 4)

Teile 1 und 2 gibt's hier: http://schreibman.twoday.net/stories/11571741/

quai bell 7

"Was halten Sie davon, wenn wir uns erst einmal setzen. An Ihrem prasselnden Kaminfeuer könnten wir uns in Ruhe unterhalten."

"Aber natürlich", antwortete der Graf, noch immer leicht verwirrt. "Nehmen Sie doch bitte Platz, ich lasse uns dann Gummibärchen, Salzstangen und mit Erdbeercreme gefüllte Oliven bringen. Und eine Flasche meiner besten Limonade, dreihundert Jahre in Eichenholzfässern ausgebaut."

"Fein, ich mag Gummibärchen", sagte sie zaghaft, nachdem sie auf der mit kostbarem Chintz bezogenen Chaiselongue Platz genommen hatte. Es entging ihr nicht, dass der Graf seine Blicke immer wieder auf ihre wohlgeformten Stiefeletten schweifen liess, während er sprach.

quai bell 9

"Wissen Sie, Madame ..."
"Nennen Sie mich doch bitte einfach Gini. Richtig heisse ich Geneviève, aber Freunde, entschuldigen Sie ..."

Sie errötete abermals, weil sie sich die Freiheit genommen hatte, den Grafen bereits als Freund zu betrachten, obwohl sie doch gerade erst gekommen war.

"Nun, Geneviève, oder Gini, wenn ich Sie denn so nennen darf, wissen Sie, das Wichtigste ist dem Menschen nun mal eine gewisse Kontinuität ..." Er war unversehens in eine dozierende Sprechweise verfallen. "Kontinuität ist sogar fast das einzige und wichtigste, was der Mensch anstrebt, solange er lebt. Die Kontinuität des Lebens selbst ist sein höchstes Ziel. Man kann fast die ganze Philosophiegeschichte auf diesen Gedanken reduzieren."

Sie hörte ihm aufmerksam zu und nickte sanft mit ihrem bildhübschen Kopf samt Gesicht und dunkler Haarpracht.

quai bell 8

"Ich habe auch eine Theorie entwickelt", fuhr er fort, "die sich in der These zusammenfassen lässt, dass Lebensqualität, also dass alles, was man sagt und tut... " Er machte eine kleine Pause, schaute ihr kurz in die Augen und dann wieder auf ihre Stiefeletten.

"Also dass Qualität überhaupt dadurch definiert wird, dass man Dinge tut oder sagt, die auch dann nicht an ihrer Qualität verlieren, wenn man unterbrochen ... äh ... wird." Er atmete tief durch und einmal kurz auf, um dann fortzufahren, was er jedoch nicht tat. Er wollte jetzt einfach nicht fort fahren.

"Ach, fahren Sie doch bitte fort", sagte Gini.

"Das geht jetzt einfach nicht", sagte er, "wo Sie doch gerade erst gekommen sind.

Sie nippte verlegen an einer Salzstange und warf dann zwei Gummibärchen in ihre Limonade. "Oliven mit Erdbeerfüllung", meinte sie dann, "sind ja wirklich sehr originell". Sie hatte noch keine probiert.

"Kommen wir zu etwas anderem", nahm der Graf die Fäden der Unterhaltung wieder auf, die ihm vorübergehend leicht entglitten waren.

"Aber gern!" Gini war ganz Ohr. Nun fühlte sich auch der Graf wieder selbstsicher genug, um mit grösster Selbstverständlichkeit etwas zu tun, was er schon während des ganzen Gesprächs fast noch viel lieber getan hätte als über seine Theorien zu sprechen. Er stand auf und ...

Forts. folgt

Illustrationen: Quay Bell

quay bell (2)

Er stand auf und wollte zu sprechen anheben, als plötzlich eine absolute und fast hörbare Stille eintrat. Nicht nur, weil er schwieg, sondern auch sie. Das Gewitter hatte zu donnern aufgehört und das Kaminfeuer prasselte nicht mehr. Es schwieg glühend und wie nur noch für sich selbst dahin. Sogar alle rauschenden Bäche und Wasserfälle in der näheren und weiteren Umgebung schienen plötzlich stillgestanden zu sein.

michele2

Der Graf überlegte wortlos, wie lange er noch schweigen konnte, wo es doch gerade so schön war. Er stellte sich vor sie hin und rang sich schliesslich dazu durch, seinen Vorschlag an sie zu richten.

"Ich möchte Ihnen gerne", hub er an, "etwas zeigen, das ich nur selten jemandem zeige."

Gini wusste nicht, warum sie schon wieder errötete. Sie beschloss jedoch spontan, sich damit abzufinden. Sollte sie doch erröten! Hatte man je schon von bösen Menschen gehört, die erröten?"

Auch der Graf wollte es nicht nur einfach übersehen, es gefiel ihm sogar. Sie konnte kein schlechter Mensch sein. Was ihm im übrigen schon klar wurde, bevor sie überhaupt gekommen gewesen war. Jetzt wusste er es nur noch sicherer.

quay bell

Ihre leichte Antlitzerrötung war auch schon wieder verschwunden, als er nach einer weiteren kurzen Pause die Frage stellte, die ihm auf dem blaublütigen Herzen so lodernd brannte wie vorhin das Kaminfeuer.

"Möchten Sie meine Ländereien und Wässereien sehen? Sie sind nicht gerade riesig, aber sie sind mir sehr lieb."

Gini hatte den zweiten Satz, den sie ja nicht geschrieben sah, so verstanden als wäre das "sie" mit einem grossen "S" geschrieben gewesen. Trotzdem oder gerade deswegen beschloss sie, cool zu bleiben. Er konnte ja nicht wissen, wie gross sie die Buchstaben sah, die er so klein ausgesprochen hatte.

"Schön", sagte sie. Und: "Ja, gerne", wobei sich für sie das "Schön" auf den zweiten Satz, also den mit ihrem grossen "S", und das "Ja, gerne" auf den ersten Satz bezog. Sie antwortete praktisch in umgekehrter Reihenfolge, also mit ihrer ersten Antwort auf seinen zweiten Satz und mit ihrer zweiten auf seinen ersten. Wer sollte da noch durchsehen?

"Als erstes könnten wir zu meinem Gedankenschloss reiten", fuhr er mit grosser Vorfreude fort, die sich darin äusserte, dass nun richtig Leben in seinen Körper kam. Er hatte viel zu lange gesessen. Zweieinhalbmal ging er im Raum auf und ab, halb denkend und halb redend, bis er wieder vor ihr zu stehen kam.

michele

"Von dort geht's über die Eselsbrücke zum Holzweg und auf diesem gelangen wir dann zum "Tiefsee der Bedeutungen". Dort können wir ein bisschen ins Vergnügen segeln."

"Fein", sagte sie, auch ohne die Anführungszeichen vom "Tiefsee der Bedeutungen" gehört zu haben. "Ich bin zu allen Schandtaten bereit." Sie sagte dies mit andächtigem Ernst und ohne auch nur noch ansatzweise zu erröten.

Und er: "Vielleicht sollten Sie sich noch etwas überziehen, über Ihre Stiefeletten."

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Schluss folgt hier: http://schreibman.twoday.net/stories/11580546/main

Illustrationen: Quay Bell und Michèle

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