Waterloo
Das erste Mal war zur Feier meines Abiturs gewesen. Er hatte mich in die Kaiserhalle in Mönchengladbach eingeladen und war in Uniform gekommen. Ich hatte lange Haare, war Kriegsdienstverweigerer. Wie ich angezogen war, weiss ich nicht mehr, Krawatte hatte ich sicher keine. Es war ein offizielles Essen zwischen uns beiden, der Vater belohnte den Sohn zu seinem schulischen Abschluss.
Das zweite Mal war kurz vor meiner Heirat in Belgien, in einer Kneipe gegenüber dem Bahnhof von La Hulpe, einem Nachbarort von Waterloo. Ob wir was offizielles zu besprechen hatten, weiss ich nicht mehr, aber irgend einen Grund muss die Sache gehabt haben. Mein Vater war kein grosser Kneipengänger.
Wahrscheinlich war alles gesagt worden. Es gab eine Gesprächspause zwischen uns, die Vater mit einem Blick auf den Bahnhof füllte.
"Wenn ich so denke", sagte er, "dass ich an diesem beschissenen Bahnhof als Kriegsgefangener aussteigen und mit den Engländern zu Fuss zum Lager laufen musste. Das war ein paar Kilometer von hier. Und ausgerechnet in diesem Ort findest Du Deine zukünftige Ehefrau. Das Leben geht manchmal seltsame Wege."
Dem hatte ich nichts entgegen zu setzen. Reiner Zufall, dass ich in einem anderen Nachbarort von Waterloo, in Nivelles, zwanzig Jahre später relativ kurz nacheinander Konkurs und Scheidung anmelden beziehungsweise unterschreiben musste.
Wir hatten beide unser persönliches Waterloo in Waterloo, Vater und ich. Erst jetzt verbindet es mich mit ihm, fünfundzwanzig Jahre nach seinem Tod.
Als alter Preusse hätte er es sicher lieber ungetrübter genossen, dass man sich 1815 in Waterloo gewünscht hatte, es würde Nacht oder die Preussen kämen. Dass Blücher dann auch kam, sah und siegte, gegen Napoleon. Anderthalb Jahre zuvor hatte er noch bei Kaub den Rhein überquert, eine Pioniertat, die mein Vater zum 150-jährigen Jubiläum 1964, als ich noch im ersten Drittel meiner Gymnasialzeit war, mit einer Rede in Kaub anlässlich der offiziellen Feierlichkeiten würdigte. Vater war Pionier und sein besonderes Interesse galt dem Ponton- und Brückenbau.
Auch darin sah ich später eine Gemeinsamkeit zwischen uns. Auch ich verstand mich, als Dolmetscher und Übersetzer, in gewisser Weise als Brückenbauer, wenn auch nur im übertragenen Sinn.
Wo Vater ein Mann der Tat war, war ich nur ein Mann des Wortes. Doch auch das hatte er mich gelehrt. Ein Mann - ein Wort.
Aus einem traurigen Arsch kommt kein fröhlicher Furz, würde er jetzt sagen, wenn er mich melancholisch sähe. Ich bin aber gar nicht melancholisch. Ich lächle grade.
Siehe auch hier.




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